Spritspar-Spezial: Eine Woche ohne Auto
Bei 1,50 Euro für den Liter Diesel hört der Spaß auf, findet unser Redakteur Stefan Cerchez und startet ein Experiment: Eine Woche ohne Auto – auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen und in der Freizeit. Sein Bericht zeigt, ob und wie das funktioniert.
Die Spritpreise auf Rekord- Hoch, die Laune beim Tanken im Dauer-Tief, da fällt die Entscheidung leicht: Aus Freude am Fahren soll Freude am Sparen werden. Weil unsere Familienkutsche in letzter Zeit ohnehin nur verschleißfördernde Kurzstrecken absolviert hat, versuchen wir es jetzt einfach mal ohne Auto – zumindest für eine Woche. Was sich zunächst nach keinem großen Verzicht anhört, sorgt im Familienrat durchaus für Wellen. „Wie erledige ich dann unsere Einkäufe?“, fragt die in Logistikfragen versierte Ehefrau, im achten Monat schwanger. „Kein Problem“, entgegne ich. „Wir müssen nur ein wenig umdisponieren.“
Immerhin liegen die wichtigsten Geschäfte in unserem Stuttgarter Vorort noch in Laufweite, sogar die S-Bahn gibt sich mit einer Haltestelle die Ehre. Also auch keine Ausrede für mich, die 13 Kilometer ins Büro zwangsweise mit dem Auto zurücklegen zu müssen. Stattdessen krame ich mein altes Abo-Kärtchen hervor und erkundige mich nach dem Preis für eine Wochenwertmarke. 32,90 Euro rufen die Stuttgarter Straßenbahnen dafür auf – nach heutigem Stand weniger, als eine halbe Tankfüllung kosten würde. Ich entscheide mich trotzdem für die günstigere Vierer-Karte, denn außer Bus und Bahn soll in dieser Woche auch mein Drahtesel wieder einmal zum Einsatz kommen.
In der S-Bahn: Die schnelle Morgenshow
Zuerst ist aber die S-Bahn dran. Inklusive des kurzen Fußmarsches zur Haltestelle dauert die Reise in die Redaktion 45 Minuten. Kein schlechter Wert – mit dem Auto sind es unter realistischen Bedingungen im Berufsverkehr auch schon rund 30 Minuten. Dazu kommt ein prinzipieller Vorteil: Nebenbei Zeitung lesen und Mails checken ist im Gegensatz zur Autofahrt problemlos und legal möglich, der Zwischenstopp beim Bäcker funktioniert ohne lästige Parkprobleme. Lediglich der private Rückzugsraum lässt etwas zu wünschen übrig – öffentlich geführte Handygespräche gewähren mir interessante Einblicke in das Leben meiner Mitfahrer, aber auch in geschäftliche Interna ortsansässiger Unternehmen.
Erfrischt, aber nass an den Schreibtisch
Verschärfte Bedingungen am dritten Tag: Statt per S-Bahn wage ich mich nun auf dem Fahrrad in die morgendliche Rush Hour, und passend dazu öffnet Petrus die Himmelsschleusen und bewässert den Stuttgarter Kessel gründlich. Zu allem Überfluss fehlt an meinem Rad das vordere Schutzblech, so dass das Vorderrad mir auf der flotten Talfahrt das kalte Regenwasser zielgenau ins Gesicht schleudert. Unfreiwillig erfrischt rolle ich in der Tiefgarage aus und hake das Rad-Experiment im Geiste schon ab. Nachdem die Talfahrt knapp eine Stunde gedauert hat – und um vor weiteren Duschen verschont zu bleiben –, greife ich bei der Rückfahrt auf die Unterstützung der Stuttgarter Straßenbahnen zurück. So bin ich ebenfalls in einer Stunde wieder zu Hause. Zwar spricht die körperliche Ertüchtigung klar für die Fahrradtour, allerdings gehören dann auch Ersatzkleidung und eine Dusche im Büro zum Pflichtprogramm. Und wie sieht es unterdessen zu Hause aus?
Flexibilität fehlt
Schnell stellen wir fest: Die größte Herausforderung ist das Thema Getränkeeinkauf. Mangels Bollerwagen oder Fahrradanhänger steigen wir von Standardkästen auf Einweg-Sixpacks um, die zur Not auch auf einen Fahrradträger passen. Insgesamt müssen wir deutlich häufiger los, um Kühl- und Vorratsschrank auf dem gewohnten Niveau bestücken zu können, Umhängetasche und Rucksack werden zu unseren ständigen Begleitern. Was auch sie nicht kompensieren können, ist die fehlende Flexibilität: Als das Telefon klingelt und wir von Freunden spontan zum Essen eingeladen werden, müssen wir schweren Herzens passen. Denn bis wir sie per ÖPNV erreicht hätten, müssten wir auch schon wieder los – schade!
Fazit: Wer in einem Ballungsraum mit guter Infrastruktur lebt, kann viele der typischen Strecken und Erledigungen im Alltag problemlos ohne Auto bewältigen – dank entfallender Parkplatzsuche oft sogar schneller. Ein Trip zum Baumarkt oder der verstreute Freundeskreis machen uns aber klar, welch wertvolle Dienste das Auto im Alltag leistet. Für uns ist klar: Wir wollen vorerst nicht auf diesen Luxus verzichten – wohl aber das Auto künftig bewusster einsetzen.
Autor: Stefan Cerchez
