Kia Cee’d 1.6 GDi: Schöner Klonen
Die gleiche Mutter hat noch eine schönere Tochter: Der neue Kia Cee’d ist das ZWILLINGSMODELL DES HYUNDAI. Glänzt der Cee’d nur mit Äußerlichkeiten, oder bietet er eigene innere Werte?
Für die Kia-Techniker muss das Arbeitsleben einer Kochshow gleichen. Ständig hören sie: „Wir haben das schon mal für Sie vorbereitet.“ Und aus denselben Zutaten, die Mutti Hyundai für ihre Modelle zusammenklaubt, sollen die Kia-Kollegen dann ein Auto bauen, das einen anderen Geschmack treffen soll. Dafür ist zunächst mal das Design zuständig. Auftritt Peter Schreyer, der in keinem Bericht über Kia fehlen darf, und dabei immer als Ex-Audi-Designchef tituliert wird. Als speise sich sein Ruhm nur durch die frühere Formgebung des TT. Dabei dürfte die viel größere Leistung darin bestehen, dass er für die einstige No-Name- Marke Kia eine eigenständige und attraktive Formensprache geschaffen hat.
Kompakter Bestseller: Der Cee'd
Nach Picanto, Rio und Optima kommt mit der zweiten Generation des Kompaktmodells Cee’d innerhalb gut eines Jahres der vierte neue Kia. Und der wichtigste dazu. Über 630 000 Exemplare des ersten Cee’d purzelten seit 2007 in Zilina/Slowenien vom Band. Damit etablierte sich der exklusiv für Europa entwickelte Kompakte in der Discount-Abteilung seines Segments. Der Neue versteht sich dagegen als Kontrahent der Klassenstreber. An dieser Stelle gehört es sich für gewöhnlich, die dramaturgisch hochwertige Geschichte der tapferen Firma Kia auszuschmücken – 1998 pleite, von Hyundai übernommen und in anderthalb Jahrzehnten zum Angstgegner der internationalen Autobauer aufgestiegen. Wir ersparen uns das und veranschaulichen es lieber an der Begegnung mit dem Cee’d.
Kompakt und höflich
Mit 4,31 Meter Länge und 2,65 Meter Radstand liegt er im aktuellen Kompaktformat. Das reicht für eine angenehme Raumfülle für vier und einen gut nutzbaren, 380 Liter großen Kofferraum. Auf der etwas tief positionierten Rückbank genügt der Platz für zwei. Allerdings mindert das optionale Panorama-Glasdach (990 Euro) die Kopffreiheit etwas. Pilot und Co reisen auf hoch montierten, präzise verstellbaren und bequemen Sitzen. Der Cee’d empfängt sie höflich. Zumindest wenn die Supervisions-Instrumente als Teil des umfangreichen Performance-Pakets (1280 Euro) dabei sind, begrüßt er seinen Fahrer beim Start und verabschiedet sich beim Aussteigen mit etwas Gebimmel und Einblendungen im Mitteldisplay. Ansonsten animiert es einen Digitaltacho, bei dem sich die Zifferngröße variieren lässt. All das schaut nett aus und schadet der Funktionalität nicht, zählt aber auch nicht zu den Dingen, die man in den letzten 126 Jahren Autoentwicklung so wahnsinnig vermisst hätte.
Prima Verarbeitung, einfache Bedienung
Vielleicht stört es sogar ein wenig, weil der Cee’d solches Klimbim gar nicht nötig hätte. Mit seinen hochwertigen Materialien und der bemerkenswerten Verarbeitungsgüte überflügelt er viele Kokurrenten ebenso wie mit der einfachen Bedienung. Das Infotainmentsystem mag nicht die brillanteste Grafik aufweisen, aber derzeit lässt sich in der Kompaktklasse diesseits von BMWs i-Drive kaum eines so schnell, sicher und einfach bedienen wie das Touchscreen-System von Hyundai/Kia. Bedenkt man, was es bei anderen Autos für ein Gewese ist, den MP3-Spieler anzuschließen – beim Cee’d sitzen die Anschlüsse leicht erreichbar vor einer großen Ablage. Die weitere Bedienung gestaltet sich leicht und übersichtlich – bis auf die vielen Funktionen am Lenkrad. An ihm lassen sich Tempomat, Radio, Telefon, Sprachbedienung und Lenkungskennlinie steuern – ach ja, der Cee’d auch.
Nicht allzu spritzig, aber ordentlich
Also Zündung. Der 1,6-Liter- Vierzylinder mit Direkteinspritzung nuschelt los. Für 1200 Euro Aufpreis kooperiert er mit einem Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe. Es doppelverkuppelt den Antrieb sanft, ähnelt in seiner Charakteristik aber eher einer Wandlerautomatik. Im Vergleich etwa zum Siebengang-DSG von VW fährt der Kia-Doppelkuppler sachter an und schaltet nicht ganz so eilig. Als störender erweist sich der große Kickdown-Bereich des Gaspedals. Selbst wenn der Fahrer mit den Schaltwippen durch die Gänge flippert, reagiert das Getriebe auf etwas stärkeren Pedaldruck mit hektischem Zurückschalten. Bei eiligerem Autobahntempo zuckt es ständig zwischen fünftem und sechstem Gang. Bei sachterem Tempo gelingt das besser, tourt der Motor leise bei niedrigeren Drehzahlen, umzischelt der Wind die schlecht überschaubare Karosserie. Auch auf Landstraßen zählt der mit 7,9 L/100 km sparsame Cee’d nicht zu den Beißern.
Schuld ist die Elektro-Lenkung: Ihre drei Modi Komfort, Normal und Sport variieren nur die Servounterstützung, doch an dem grundsätzlichen Mangel an Rückmeldung ändert sich nichts. Auch bei der Fahrwerksabstimmung erreicht der Cee’d nicht ganz das Niveau von Astra/ Golf/Focus. Bei hohem Tempo wirkt er etwas schwammig, präferiert ansonsten Fahrsicherheit vor Handling, federt ordentlich. Bremswege aus 100 km/h um 40 Meter sind dagegen in der Kompaktklasse nicht mehr akzeptabel. Man könnte noch die Aufpreispolitik bemängeln, die Extras in teure Pakete schnürt, oder den Spurhalteassistent, der mitunter Schatten für Leitlinien hält. Aber das sind nur Kleinigkeiten. Und dass den Kia Cee’d nur Kleinigkeiten von den Klassenbesten trennt, ist wohl der größte Erfolg der Kia-Techniker. Die haben ganz schön was angerichtet.
FAZIT Der Rückstand von Kia auf die Klassenbesten reduziert sich auf Feinheiten. Viel Platz, der kultivierte, aber nicht sehr temperamentvolle Antrieb, die üppige Ausstattung und die lange Garantie düften für viele Kunden die Schwächen bei Fahrwerk und Lenkung locker wettmachen.
Autor: Sebastian Renz
